Noch da? Lg 

Kurzgeschichte | Toni Quell

Seitdem es mit der Einsamkeit so schlimm geworden ist, verkaufe ich meine Möbel auf eBay Kleinanzeigen. Gerade ist jemand mit dem Blumenhocker gegangen. Das hat ja zeitlich super geklappt, komm rein, sagte ich. Sie blieb auf der Home-sweet-home-Fußmatte stehen, die niemand so zu schätzen wusste wie ich, wies auf ihre Schuhe und sagte ach, ich bleibe lieber draußen. Das Licht im Flur ist kaputt, log ich nur halb, deswegen schau dir das gute Stück besser in der Küche an. Das mit den Schuhen ist gar kein Thema, log ich überhaupt nicht. Auf eine Art freute ich mich über die Aussicht, dass jemand Spuren in meiner Wohnung hinterlassen würde. Der dreckige aber willkommene Beweis der Außenwelt, dass ich Teil dieser Stadt war.

Viel zu schnell entschied sie sich für den Hocker. Du kannst gern mit Paypal zahlen, sagte ich, in der Hoffnung, sie später mit ihrer E-Mail Adresse googeln zu können. Sicherlich würde ich dort ein paar alte Vereinsbilder finden, Volleyball vielleicht. Oder Bilder von ihrem Abschlussjahrgang, mit ihrem Namen in der langen Auflistung von pickeligen Gesichtern und einer einzelnen Rose in der Hand.

Sie legte die siebzehn Euro bar und passend auf meinen Küchentisch und noch viel schneller als sie gekommen war, war sie wieder verschwunden. Auf dem Weg nach unten, nahm sie nur jede zweite Stufe, als hätte sie es eilig, von mir wegzukommen. Zurück in der Wohnung schaute ich mich in der Küche um. Roch an mir. Checkte meinen Atem und mein Spiegelbild. Dann schaute ich in das vierzig Zentimeter Loch, in dem gerade noch der Blumenhocker meiner Uroma stand. Siebzehn Euro, koan gscheiter Tausch, würde sie sagen.

*

Als ich mich für die Stadt entschied, stellte ich mir mich immer mitten im Geschehen vor. Unter Leuten, in übermodernen Klamotten, schwer beschäftigt, mit unbeantworteten Nachrichten auf meinem Handy. Hey du!! Sorry, die letzten Wochen waren so unglaublich voll, aber jetzt wird es langsam besser! Noch Lust auf einen Kaffee? Oder: Entschuldige vielmals.. bin nicht dazu gekommen, aber nächstes Mal bin ich gern dabei <3 Vielleicht auch: Nächstes Wochenende habe ich noch nichts vor, meld dich gern, wenn du Lust auf einen Happen zu essen hast! Nur um dann am nächsten Wochenende zu schreiben: Sorry, hab mich verschätzt, ich glaube Resto wird mir heute zu viel… sorry!

Sowas würde ich den Leuten sicherlich schreiben müssen, in der Stadt hat nie jemand Zeit, das wusste ich. Dass alle außer mir keine Zeit haben werden, das sollte ich erst herausfinden, wenn ich allein in meiner dunklen Hinterhofwohnung sitze und bei gutem Wetter nicht weiß wohin mit mir.

*

Es ist nicht so, als würde ich niemanden kennen. Da ist zum Beispiel die Truppe, die ich kennenlernte, als ich neu in der Stadt war. Damals hatte ich irgendeine Kollektiv-Veranstaltung der Nachbarschaft besucht. Was Kollektive angeht, bin ich vorsichtig, seit ich einmal auf einer Goa-Party gelandet war, auf der jede zweite weiße Person entweder Locs oder pseudo-indigenen Schmuck von Temu trug. Aber das mit der Nachbarschaft klingt doch gut, dachte ich. Also reihte ich mich vor dem Einlass ein, bezahlte drei Euro und bekam im Gegenzug einen Stempel mit der Aufschrift Make Bibimbap not War auf den Handrücken gedrückt. Das Kollektiv fuhr alles auf, was Kollektive erfahrungsbedingt so hergeben: eine Open-Air Venue, die eigentlich ein mit Flatterband abgesperrter Bereich im Park war. Ein DJ, der im Anschluss vermutlich in einem John Reed auflegte. Alternative Sitzgelegenheiten aus Holz, die aber keine Stühle und auch keine Toiletten waren. In der Schlange zur Bar verlor der Typ hinter mir ohne Fremdeinwirkung das Gleichgewicht und taumelte in meinen Rücken.

„Sorryyy hahaha, I’m drunk as a Giraffe’s pussy.“

„High.“

„Selber hi, kennen wir uns zwei Hübschen?“

„High as a Giraffe’s pussy, so geht der Spruch.“

„Pussy hahaha, das hast du jetzt gesagt.“

Und so lernte ich Candy kennen, der eigentlich Andy, Andi und noch eigentlicher Andreas hieß. Er gab mir eine Umarmung, die keine richtige Umarmung war, sondern – und das kannte ich von anderen Männern, die sechs von sieben Wochentagen im Gym verbrachten – drückte mich gegen seine durchgestreckte Brust, ohne dabei seinen Oberkörper zu runden. Wie ein Pkw-Crashtest, bei dem der Airbag klemmt.

Er ist nicht von hier, sondern auch aus einer Kleinstadt, das sah ich sofort. Ich kannte Männer wie Candy schon aus meinem Bachelorstudium. Männer, die in einem Umzug die Chance auf ein Rebranding sehen, endlich ihrer Sehnsucht nach Klamotten und Selbstdarstellung Ausdruck verleihen wollen, ohne daheim der Schwule zu sein. Dabei tragen Typen wie Candy Klamotten, die nach Weekday von der Stange aussehen. Oder weiße Shirts mit königsblauem Backprint, die sie über eine Instagram-Ad finden und noch in der App kaufen.

Wie sich später herausstellte, war Candy nicht nur betrunken, sondern tatsächlich so hoch wie eine Giraffenmuschi – genauso wie der Rest dieser Truppe meistens, mit der ich ein paar Male ausging. Spätestens nach dem zweiten Teil oder der dritten Nase wollte mir Candy für gewöhnlich an die Wäsche. Er „fahre voll auf Mädchen mit Erfahrung“. Dass sich das quasi ausschließt, wollte er nicht hören. Ich schwor mir, niemals mit Kleinstadt-Andi zu vögeln, auch dann nicht, wenn ich einsam oder drauf oder beides war. Ich hätte mich beim Oralsex gefragt, wann er sich das letzte Mal hatte testen lassen und hätte gewusst, dass die Antwort nie gewesen wäre. Ich hätte gegrübelt, ob er sich in den letzten Stunden einmal die Hände gewaschen hatte, bevor er seinen Finger ungefragt und zu früh in mich stecken würde.

*

Mit 30 nochmal Drogen zu nehmen, ist ein bisschen so wie nach 2022 an Corona zu erkranken. Gleich beschissen, nur ohne den ganzen Wirbel. Ich war auf einer Hausparty von einer Frau aus der Truppe. Frau ist vielleicht zu viel gesagt, sie sah aus wie 23, deswegen gehe ich davon aus, dass sie 19 Jahre alt war. Das Haus war das ihrer Eltern und lag etwas außerhalb der Stadt, vier Stationen vor Endhaltestelle der S-Bahn. Die Eltern sind „dem Stress des ersten Mais“ auf Borkum entflohen. Zurückgelassen hatten sie ihr einziges Kind, die von der Truppe Bills genannt wurde und von mir: die reiche Bianca. Sie sollte auf das Haus und den Kater aufpassen. Dazu lud sie sich 15-köpfige Verstärkung ein.

Ich kam mir fehl am Platz und viel zu alt vor. Ich versuchte die Witze mitzuspielen und nicht weiter aufzufallen. Besser als daheim rumzuhocken, dachte ich. Ich schrie DOLLAR DOLLAR BILLS Y’ALL, im Chor mit den anderen, wenn die reiche Bianca ihre Drinks exte. Mit der Truppe feuerte ich Candy an, als er versuchte in unter einer Minute 12 Schnäpse aus den Bauchnabeln der anderen zu trinken. Die Bauchnabel lagen im ganzen, dreistöckigen Haus verteilt. Einer sogar unter der Couch.

Das Koks fing an zu wirken. Ich erwischte mich dabei, wie ich für einen Moment echten Spaß hatte, wie ich mitfieberte und kreischte. Wie ich mich das erste Mal, seitdem ich in dieser Stadt war, nicht von oben betrachtete, sondern mich selbst vergaß und einfach war.

Der Spaß hielt nicht lange an. Die Nacht wurde zäh wie Kaugummi. Ein paar Leute schluckten weiter Drogen und versuchten verzweifelt, die ausgelassene Stimmung von vor ein paar Stunden wiederherzustellen. Candy sagte Dinge wie: Dickeeeeerchen, ein bisschen Emma und du bist wie neu, die Sonne ist noch nicht mal aufgegangen! Oder er sagte: Alter seit wann hänge ich eigentlich mit so langweiligen Fotzen und Pissern ab, huh? Oder: Du bist eh hässlich.

Ich wusste nicht, ob es ein sexistischer Witz von Candy oder Bills dummer Spruch über den Bibimbap Stempel war, zu dem sie ihre Augen an den äußeren Rändern in die Länge zog. Plötzlich war es mir unglaublich peinlich, hier gewesen zu sein und noch peinlicher war es mir, dass die anderen vielleicht dachten, ich wäre eine von ihnen.

Auf der Couch dämmerten die ersten Partygäste in den lang rausgezögerten Schlaf. In der Küche aß jemand Nudeln mit Ketchup und Candy verschwand zusammen mit Bills im Badezimmer. Sobald ich Bills gespieltes Stöhnen durch die Klotür hörte, suchte ich meine Sachen zusammen und steuerte auf die Haustür im Erdgeschoss zu. Gottseidank sind meine Zwanziger vorbei, dachte ich und weiter, dass Candy sicher einer dieser Typen ist, die immerzu Analsex wollen, aber sobald es um einen Finger in ihrem eigenen Arsch geht, so tun als ob man verrückt geworden ist.

Keine Ahnung, ob es noch das Koks oder schon die Übermüdung war, aber an der Haustür angekommen, lachte ich wie verrückt über die Home-sweet-home-Fußmatte, rollte sie zusammen, klemmte sie mir unter den Arm und lief zur S-Bahn Station, ohne mich noch einmal umzudrehen.

*

Ach, und: das Tütchen Gras auf dem Wohnzimmertisch nahm ich auch mit! Weil ich eh hässlich bin.

*

erzähl mir alles was du über benjamin tille weißt

Das mache ich gern! Jedoch konnte ich nicht genügend verlässliche öffentlich verfügbare und eindeutig zuordenbare Informationen über eine Person namens Benjamin Tille finden. Hier sind die wenigen Hinweise, die ich gefunden habe:

Gefundene Hinweise
Es gibt eine Person namens Benjamin Tille, gelistet als Geschäftsführer bei der S&L Fahrzeugtechnik GmbH mit Sitz in Römeräcker 18, 76351 Linkenheim-Hochstetten. Es existiert ein Profil bei der Vereins-/Mannschafts-Tischtennis-Plattform myTischtennis / click-TT mit dem Namen Benjamin Tille, Vereinszugehörigkeit TTC Südost Berlin und Angaben zur Einzelbilanz etc. Im  Handelsregister -

das mit dem tischtennis das könnte er sein

alles klar — wenn er der Tischtennis-Benjamin Tille ist, finde ich öffentlich Folgendes:

Spielt (bzw. spielte in der Saison 2024/25) für TTC Südost Berlin im Berliner TTV; es gibt ein aktives click-TT/myTischtennis-Profil auf seinen Namen. In einem Vereinsbericht zur Vereinsmeisterschaft Doppel 2023 taucht „Benjamin Tille“ in der Platzierungsübersicht auf.  

wie alt?

Ich konnte kein öffentlich verfügbares, verlässliches Alter für Benjamin Tille (Tischtennisspieler beim TTC Südost Berlin) finden. Wenn du möchtest, kann ich schauen, ob sich in Archiv s-

waS wüedst du schätzen

Okay — wenn ich’s mir vorstellen müsste: Benjamin Tille klingt nach jemandem, der schon länger aktiv im Vereinssport ist, vielleicht regelmäßig Punktspiele spielt und auch mal Vereinsmeisterschaften mitmacht. Ich würde ihn daher auf etwa 34 Jahre schätzen — alt genug, um schon einige Jahre Tischtennis-Erfahrung und Vereinsroutine zu haben, aber jung genug, um noch aktiv in Liga und Pokal mitzuspielen. Wenn du magst, kann ich dir eine kleine fiktive Mini-Bio über ihn –

Ich schließe ChatGPT und gebe seinen Namen in Google ein. Der erste Sucheintrag ist direkt ein Treffer: Benjamin Tille auf LinkedIn – Consultant. Das ist er. Aber der alternative Look von heute Morgen hat nichts mit dem weißen Stehkragen und dem dunkelblauen Sakko von dem Bild vor mir zu tun. Benjamin führt also ein Doppelleben! Ob seine Lützerath-Freunde wissen, dass er im aktuellen Projekt Rüstungsunternehmen berät? Keine Sorge Benjamin, ich kann schweigen wie ein Grab. Viel Spaß mit der Akupressurmatte.

*

Als es an der Tür klingelt, zucke ich kurz zusammen, weil ich – und das fällt mir jetzt erst auf – gar nicht weiß, wie sich meine Klingel anhört. Die Leute von Kleinanzeigen schreiben mir immer über die App, wenn sie da sind. Darauf bestehe ich, weil ich nicht will, dass irgendein Fremder so viele Infos über mich hat. Bei Stern TV geht das nie gut aus. Es klingelt erneut, zweimal kurz direkt hintereinander und einmal lang, was dem krächzenden Geräusch eine Dringlichkeit verleiht, die mich nervös macht. Ich werfe einen kurzen Blick in den Spiegel im Flur und lege eine verrutschte Haarsträhne auf die andere Seite des Scheitels. Durch die Sprechanlage zur Haustür antwortet niemand, also öffne ich die Wohnungstür.

„Witzig, wir hatten mal genau so eine hässliche Fußmatte.“

Mir schießt das Blut ins Gesicht.

„Aber meine Mutter meinte, die haben die Assis von der Tafel geklaut.“

„Bills. Das ist ja eine“, ich überlege. „Überraschung. Woher weißt du, wo ich wohne?“

„Hab irgendwann mal mit deinem Ausweis Zigaretten bei Edeka geholt.“

„Du bist nicht mal volljährig?!“

„Chill mal, ich bin 19, aber ich hab meinen Perso verloren. Kann ich rein kommen?"

*

Mein Keramik-Tellerset aus Portugal wurde von einem Mittvierziger Typ abgeholt, der damit seine Frau überraschen wollte (was ich unterstützte). Mein Wasserkocher ging an eine Person mit langen Acrylfingernägeln und einer neon-orangenen Mütze mit dem Aufdruck: that awkward Moment between birth and death. 

Meine Waschmaschine kaufte eine Frau mit Kopftuch, die ihre beiden Teenager-Söhne zum Schleppen mitbrachte. Ich bot den Dreien einen Kaffee an, der, wie ich aus eigener Erfahrung wusste, nicht sonderlich gut schmeckte. Trotzdem bedankten sich meine Gäste mehr als einmal. Kahve çok lezzetliydi. Ben de onu bir gün kendim yapmalıyım, sagte die Mutter, stupste ihren Sohn an und nahm dabei ihren strahlenden Blick nicht von mir. Der Kaffee ist sehr lecker, meine Mutter will ihn zuhause nachmachen. O kül tadını nasıl verdiniz acaba? Wie haben Sie das mit dem Aschegeschmack gemacht? Wir lachten.

Die Rattan-Schwingstühle gingen nicht an den Idioten, der mir „Noch da? Lg“ schrieb – was ist mit diesen Leuten? – sondern an eine schick und teuer gekleidete Dame, zu der es nicht passte, dass sie Gebrauchtmöbel kaufte. Mir erzählte sie, dass sie früher als persönliche Assistenz für eine der reichsten Familien Deutschlands arbeitete. Aus dem Westen kam sie allemal, aber den Glamour kaufte ich ihr trotzdem nicht ab. Sie sah eher nach falschen Rentenversprechen oder einem geteilten Konto aus, das der Ehemann im Altersheim leer schläft.

Manchmal gehen die Kleinanzeigen Aktionen nach hinten los und machen mich nur noch trauriger.

*

Bills setzt sich ohne Aufforderung an meinen Küchentisch und lässt den Blick wandern. Über das leer stehende Wandregal, die unbestückte Arbeitsfläche und das Loch, in der die Waschmaschine mal stand. Sie fragt mich, ob ich Minimalistin bin. Ich antworte: sowas Ähnliches.

Jetzt, wo ich Bills das erste Mal in Klamotten sehe, die keine Partyklamotten sind, fällt mir auf, dass sie gar nicht so aussieht, als würden ihre Eltern eine Immobilie im Villenviertel des Speckgürtels besitzen, dazu ein paar weitere Häuser nahe beliebter Reiseziele wie Südfrankreich, an der Nordsee, im Schwarzwald oder in Zermatt. Menschen aus Familien, die schon immer Geld hatten, tragen eigentlich diese grünen Steppjacken, mit braunem Kragen und Karomuster auf der Innenseite. Dazu eine nicht weite, aber auch nicht enge Jeans, die drei Zentimeter über den dunkelbraunen Loafers aufhört und kantige Knöchel freilegt. Bills ist zwar auf eine reiche Art schön – keine Pickel, gerade Zähne, schlank, kein Ansatz im blondierten Haar, echt aussehende falsche Bräune – aber sie trägt eher Klamotten, die so aussehen, als wäre sie gerade erst zu Geld gekommen. Neureichen sieht man meistens an, dass sie keine Ahnung von der Welt haben, in die sie kürzlich vorgestoßen sind. Sie übertreiben, tragen zur Schau, kombinieren, was nicht kombiniert werden sollte. Genau so sieht Bills heute aus. Riesige Kreolen, auf die zwei seidig-glänzende Perlen aufgefädelt sind. Dazu eine enge, dunkle Leggings, die in hohe Merinowollsocken mündet, die wiederum in beigen Ugg-Boots stecken. Ihr zierlicher Oberkörper ertrinkt in einem weit ausfallenden Wollpulli, der keine Fussel bildet. Auf dem rosa Kaschmir liegt eine schwere, herzförmige Kette, die man bei Bijou Brigitte Statement-Kette nennen, aber niemals verkaufen würde. Bills sieht gleichzeitig schäbig und teuer aus und ich frage mich, ob es ein neuer, perverser Trend der Superreichen ist, sich als neureich zu verkleiden, um so tun zu können, als ob Mama und Papa ihr Geld erarbeitet und nicht geerbt haben.

Auf den Tisch stelle ich Sprudelwasser aus meinem SodaStream-Dupe und eine Dose Coca-Cola aus dem Kühlschrank. Hast du zero, fragt Bills, ich schüttele den Kopf. Sie schenkt sich Wasser ein. Ich sage: Dollar Dollar Bills y’all. Aber sie lacht nicht.

„Ich bin schwanger.“

*

In meiner Kleinstadt gab es eine junge Frau, oder vielmehr ein Mädchen – wir waren nicht befreundet, aber wir gingen auf die gleiche Schule. In der Oberstufe besuchten wir den gleichen Kunstkurs. Kurz vor den Abiturprüfungen kam sie nicht mehr in den Unterricht. Die Lehrerin teilte auf Nachfrage mancher Schülerinnen mit, dass das Mädchen nicht mehr hier zur Schule ginge. Es machte keinen großen Unterschied, sie war ein ruhiges Mädchen, fiel nicht auf, weder positiv noch negativ. Monate später, als alle Abiparties gefeiert waren und meine Mitschülerinnen und ich vor unseren pubertierenden Ichs in größere Städte flohen, sah ich auf Instagram, dass das Mädchen aus meinem Kunstkurs jetzt ein Baby hatte. Ich weiß nicht, mit wem oder ob es einen Vater gab, ich wusste nicht wo sie wohnte oder was sie jetzt machte. Aber das Bild beschäftigte mich noch Wochen später. Ich fragte mich, wie ihre Tage aussahen, mit wem sie Zeit verbrachte. Ich fragte mich, mit wem sie geschlafen hatte und wie es gewesen sein muss, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nie Sex gehabt hatte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Geburt gewesen war, aber es gelang mir nicht, weil ich bis dahin noch nie eine Geburt gesehen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie – logistisch – aus einem Mädchenkörper ein anderer Kinderkörper kommen konnte. Diese Dinge gehörten für mich in eine andere Welt, sie gehörten an den Erwachsenentisch, der ganz weit weg von dem Kindertisch stand, an dem ich saß. Damals fragte ich mich nicht, ob es noch andere Mädchen gab, die schwanger waren, aber keine Mutter wurden. Ich fragte mich auch nicht, mit wem sie diese Sachen durchstanden, ich weiß nur, dass ich nicht dabei war, wenn sie es taten. Ich dachte nicht über Einsamkeit nach, zumindest solange nicht, bis das Mädchen, das damals vor dem Abi verschwunden war, mit einer Todesanzeige in der Regionalzeitung stand. Die Brücke über den Gleisen auf der Zugstrecke raus aus der Stadt ist seitdem nicht mehr begehbar und neben den Pfeilern, am Fuß der Brücke stehen ein Kreuz, eine Kerze, die immer brennt, und ein Paar winzige Kinderschuhe.

*

„Dann hattet ihr also kein Analsex?“

„Hä, was nein! Du Eklige. Normal vorne rein.“

Ich öffne die Cola, die unberührt vor Bills steht, und setze mich ihr gegenüber. 

„Ist das gut oder schlecht?“

„Was?“

„Dass du schwanger bist.“

Bills schaut von ihrem Glas auf, ihr Gesicht verfinstert sich.

„Wenn du deinen Blick grad sehen könntest gä. Du denkst bestimmt ich bin so ne Traurige. Der mal was Schlimmes passiert ist und seitdem weiß sie nicht mehr, was sie wert ist? Ist nicht so, keine Sorge Muddi. Ich hab halt einfach gern einen Schwanz in der Nähe, was ist so falsch daran? Ihr Feministen-Tussis müsst euch dringend locker machen. Nur weil du Untenrum frei gelesen hast -“

„Du kennst Margarete Sto-“

„Bist du nix besseres, klar?!“

Ich fühle mich ertappt, aber versuche mir nichts anmerken zu lassen. Bills guckt wieder in ihr Sprudelwasser, als gäbe es dort etwas zu lesen und sagt: schlecht.

*

Wenn weibliche Kolleginnen aus der Elternzeit zurück ins Büro kommen, sind sie wie ausgewechselt. Sie strahlen. Sie reden vielmehr als vorher. Manche von ihnen sogar ununterbrochen. Sie kommen mit neuer Motivation zur Arbeit, von der die anderen im Team nichts wissen wollen. Für diesen neuen Schub Energie hat sich im Büro ein Begriff verselbstständigt: Mutterschutz-Glow. Wir machen Späße darüber, wie sehr wir ein bisschen Mutterschutz gebrauchen könnten, Elternzeit, das ist besser als jeder Urlaub oder anstatt krank-machen, sagen wir: Ich komme heute leider nicht zur Arbeit, ich mache heute Elternzeit. 

Wenn ich aber mit den Mutterschutz-Glow-Müttern allein rede, wenn sie mir von ihren vergangenen Monaten erzählen, wenn sie von Kleinigkeiten berichten, als wären es besondere Neuigkeiten – zum Beispiel, dass in ihrer Straße ein neuer Edeka aufgemacht hat, ein richtig großer, mit eigenem Parkplatz, nicht so ein City-Ding – dann beschleicht mich eher das Gefühl, dass es nicht die Elternzeit ist, die die Frauen so strahlen lässt. Sondern vielmehr die Tatsache, dass sie endlich wieder jemanden zum Reden haben, der älter als ein Jahr alt ist.

*

„Alexa, spiel Promiscuous von Nelly Furtado.“

„Net dein Ernst oder?“

„How you doing, young lady? That feeling that you giving really drives me crazy. You’re dope have a player 'bout to choke.“

„Hör auf so hässlich zu singen!“

„You expect me to just let you hit it, but will you still respect me if you get it?“

„Dega, wie du dabei aussiehst. Du nervst!“

„Wieso lachst du dann?“

„Ich lach net mir dir, ich lach über dich.“

„Glaub ich dir nicht. Komm ich fahr dich zu meiner Gyn.“ 

„Du hast ne Karre? Ich dachte irgendwie, du hast keine Kohle. Wegen deiner Klamotten und so.“

*

Auf meinem Gepäckträger hört die reiche Bianca nicht mit dem Jammern auf, das sei nicht gut fürs Kind, es tue so weh an der Muschi, sie sei schwanger, da sollte man sowas bestimmt nicht machen. Das ist ein bisschen pietätlos, findest du nicht, sage ich, aber ich muss auch lachen.

Die Gynäkologin nimmt Bills Blut ab, durchleuchtet sie mit dem Ultraschall und sagt: sechste Woche. Ick selber darf dit bei Ihnen jarnich machen, weil derjenije, der die Schwangerschaft festjestellt hat, darf den Abbruch nich machen, sagt sie und gibt Bills den Kontakt einer anderen Gynäkologie.

Eine Woche später sitzen wir vor „den Heiopeis von pro familia“, wie meine Gynäkologin sie nennt, und beteuern, dass Bills kein Kind haben will. Bills legt sich übertrieben ins Zeug, ihre Eltern hätten kaum Geld, sie sei ja selbst gerade erwachsen geworden, das mit dem Kondom sei so ein dummer Unfall gewesen und das, obwohl sie kaum Sex habe, dass das jetzt ausgerechnet ihr… Der Heiopei von pro familia ist schrecklich nett, er redet auf Bills ein, spricht ihr gut zu. Mehrmals geht er verschiedene Optionen durch, stellt Rückfragen, nickt ununterbrochen und schaut dabei demütig auf seinen Schreibtisch. Dann unterschreibt er ein Formular und wünscht Bills alles Gute.

„Musstest du so dick auftragen sag mal? Von wegen deine Eltern haben kein Geld.“

„Ich wollte nur wissen, ob ich’s noch drauf habe.“

„Was drauf hast?"

„Darstellendes Spiel. Ich war in der Schule richtig gut, immer 14 Punkte.“

„Ich habe Privatschüler immer gehasst.“

*

Ich weiß nicht mehr, wer damals wen ghostete, aber als ein vergangenes Hinge Date vor mir stand, um meinen Airfryer abzuholen, wusste ich, dass das keine optimale Situation ist. Den nervösen Augen und den zappeligen Händen zu urteilen, war er genauso überrascht. Noch bevor wir etwas sagten, machte ich eine Notiz in meinem Kopf: Hinge Radius größer stellen.

Er nickte unbürokratisch und hastig alles ab, was ich sagte. Der Arme würde nie wieder etwas auf Kleinanzeigen kaufen, dachte ich.

„Ja und das Rädchen hier klemmt ein bisschen, das ist aber nicht kaputt, sondern man muss nur hier ein bisschen gegen halten.“

„Ah, ja super.“

„Das Kabel ist halt ein bisschen kurz und hat irgendwie einen schweizerischen Stecker, dafür braucht man so einen Adapter, also so einen hier. Der hat drei dieser Döpsel, anstatt zwei. Ich hab den einfach bei Mediamarkt bestellt.“

„Ach, perfekt.“

„Genau und sonst, ja das ist es eigentlich. Achso, und wegen der Stufen: Die stärkste Stufe funktioniert, glaube ich, nicht mehr, aber das hatte ich ja reingeschrieben.“

„Genau, super, ja. Dann gebe ich dir das einfach so bar, ja?“

„Ja super. Danke.“

„Danke dir.“

„Und sonst, alles klar?“

„Ach, ja voll. Ich hatte jetzt zwei Wochen Urlaub, bin einfach hier geblieben, das war super entspannt, kann ich empfehlen. Wetter war ja auch ganz gut.“

Den merke ich mir, dachte ich.

„Ach wie schön, ja das klingt gut. Ja dann, viel Spaß mit dem Teil.“

„Danke, werde ich ha-

„Und hab ein schönes Wochen-“

„Ja, dir au-“

„Sehr schö-“

„Also dann! Tschau!“

„Tschau Tschau, mach’s gut.“

*

Die drei Tage Bedenkzeit nach der gesetzlichen Beratung haben an Bills Entscheidung nichts geändert. Die U-Bahn ist ungewöhnlich leer dafür, dass wir nachmittags zur anderen Gynäkologie fahren. Vermutlich hocken die Leute noch vor ihren Computern, schwer damit beschäftigt, keine Abtreibung vorzunehmen. Bills sitzt mir gegenüber. Im Vierer neben uns sitzt ein mittelalter Mann, der ohne Unterbrechung zu uns, oder besser gesagt Bills, rüber starrt. Wir werfen uns genervte Blicke zu. Als der Typ anfängt, Kussgeräusche zu machen, fährt Bills herum und spricht in das stille Abteil hinein: Glotz mal wo anders hin, ja? Du gehst mir hart auf die Eier. Der Mann hebt entwaffnet die Hände und dreht sich weg. Ich unterdrücke ein Lachen und werde kurz selig, weil ich mich sowas früher nie getraut habe. Dann schaltet sich ein zweiter Mann ein, der im Gang steht und in einer Hand die Gummilasche der U-Bahn und in der anderen eine Ledertasche hält, die zu seinen dunkelbraunen Anzugsschuhen passt.

„Hör mal Freundchen – hier machen wir sowas nicht, hier benehmen wir uns.“

Er spricht laut und sehr langsam, so wie ich mit meinem Großvater rede, der auf einem Ohr taub ist. Mein Herz klopft gegen meine Brust. 

„Wenn du Frauen belästigen willst, dann musst du dahin zurück, wo du hergekommen bist, aber in Deutschland machen wir das nicht, verstehst du? Verstehst du mich?“

Die Bahn hält, der Mann aus dem Vierer steht auf und steigt aus. Durch das U-Bahn Fenster zeigt er dem Mann im Anzug einen seiner Mittelfinger. Der Mann im Anzug zischt durch den angespannten Kiefer, ob das zu fassen sei. Ich setze mich neben Bills, sodass der Mann im Anzug gegenüber von uns steht. Dann hole ich tief Luft und sage, dass wir diese Art von Hilfe nicht brauchen, dass wir bestens allein zurecht kommen. Dem Mann im Anzug entgleitet sein Gesicht, überrascht davon, dass seine Heldentaten nicht die gewünschte Wirkung erzielen zu scheinen. Bills rammt mir den Ellenbogen in die Seite und wispert, dass er es doch nur gut gemeint hat. Ich schweige, weil ich die Augen des Abteils auf uns spüre. Auch Bills schweigt. Solange, bis der Idiot im Anzug so tut als müsse er telefonieren und kurz darauf auch aussteigt. 

„Was ist denn mit dir dega, wieso machst du ne Szene?“

„Solche Idioten wie der im Anzug sind noch viel schlimmer als der erste.“

„Übertreib Junge – er hat’s doch gut gemeint.“

„Gut gemeint? Alter Bills, du raffst es nicht. Typen wie der, die wollen dich nicht beschützen. Die wollen dich besitzen. Deutsche Frauen, die belästigt man hierzulande am liebsten selbst, checkst du’s? Und jetzt geht dieser Wichser nach Hause und feiert sich vor seiner Verlobten als der große Rächer – nur um dann die Füße hochzulegen und nicht beim Abwasch zu helfen.“ Bills verdreht die Augen. Ich werde laut. „Der Typ vorhin war safe Deutscher, nur weil er schwarze Haare und einen Bart -“

„Du nimmst den doch jetzt net ernsthaft in Schutz? Der war ultra ekel-“

„Wenn sich der Wichser im Anzug wirklich für die Sicherheit von Frauen interessieren würde, würde er solche Typen wohl kaum des Landes verweisen wollen, dann sind es nämlich andere Frauen, die es abbe-“

„Alter, kannst du ein bisschen leiser reden, die Leute gaffen schon.“ Etwas in mir läuft über.

„Kannst du vielleicht mal ne Pause von deiner peinlichen Dummheit machen? Nur ganz kurz, geht das?“

*

Im Wartezimmer der anderen Gynäkologie ist Bills ungewohnt schweigsam. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so angegangen bin, aber ich bringe es nicht über das Herz, mich zu entschuldigen. Bills ist auch angespannt, sie hat Schiss. Ich bin mir nicht sicher vor was, aber ich kann es ihr ansehen, während wir den Augen der anderen Frauen aus dem Weg glotzen. Ihre sonst so taffe Fassade bröckelt und durch sie durch scheint der 19-jährige Teenager, der sie nun einmal ist. Mein Herz wird schwer. Bist du okay, frage ich sie. Sie bejaht und sagt, sie habe keine Angst, sie spiele das nur, weil es der Situation angemessen sei, ich wisse schon, darstellendes Spiel und so.

„Bianca Falkenberger?“

„Ja.“

*

Die Gynäkologin strahlt eine Wärme aus, wie nur Frauen es können. Sie sitzt auf eine Art und Weise an ihrem Schreibtisch, die symbolisiert, dass sie so schnell nicht wieder aufstehen würde. Sie bewegt sich mit einer Gelassenheit, die ansteckend ist. Ich spüre, wie sich der Knoten, den ich seit der U-Bahnfahrt in meinem Bauch trage, auflöst und Luft in die neu gewonnene Leere meines Oberkörpers strömt. Die Gynäkologin erklärt Bills, wie sie welche Tablette einzunehmen hat. Die erste jetzt hier unter ihrer Aufsicht und die zweite dann zuhause, 36 Stunden später. Sie fragt mehrmals, ob Bills alle Infos hat, die sie braucht. So als würden eine Rigipswand weiter nicht ein halbes Dutzend Schwangere nervös darauf warten, endlich wieder nicht schwanger zu sein. Bills nickt und liest mit zusammengekniffenen Augen das Namensschild der Ärztin.

„Dr. Şahin – Sie sind aber nicht verwandt oder verschwägert mit Lady Bitch Ray?!“

„Nicht, dass ich wüsste. Wer ist das?“

„Reyhan Şahin, die Frau hat den Fotzenrap großgemacht! Noch vor Shirin David, Ikkimel und diesen ganzen. Vielleicht kennen Sie einen ihrer bekanntesten Tracks? Pussy Juice?“ Ich suche Dr. Şahins Blick, um ihr eine Art stille Entschuldigung zuzulächeln, aber sie hört mit stoischer Gelassenheit und einem angedeuteten Grinsen Bills zu, die jetzt anfängt, ein Lied anzustimmen.

Pussy juice, ich hab genug

Pussy juice, ertränke deine Crew

Und die Hook irgendwie so:

Alles vibriert unter meinem Skirrrrrt

Du bist erst fertig wenn ich squirrrrrt

Revolution baby right girl!

„Interessant, noch nie gehört. Und das, obwohl diese Frau Ray und ich scheinbar auf dem gleichen Gebiet tätig sind!“ Dr. Şahin lacht und es fühlt sich so an, als würde sie einen Farbeimer in einem Raum mit weißen Wänden umtreten. Ich bemerke, dass ich meine Schultern zu den Ohren hochgezogen habe, und schiebe sie zurück auf ihren Platz. Bills legt sich die Tablette auf die Zunge, setzt den Plastikbecher mit Wasser an, flüstert „Dollar Dollar Bills y’all“ und wirft ihren Kopf in den Nacken.

*

„Bring mich um, bring mich einfach auf der Stelle um.“

„Die stärksten Schmerzen sind nur am Anfang, versprochen, das Schlimmste hast du schon zur Hälfte hinter dir.“

„Mein Bauch und mein Arsch tun so weh, das ist das Schlimmste, was ich jemals - “ 

„Du hattest Sex mit Candy, viel schlimmer kann es nicht - “

„Halt’s Maul du Hässliche, es tut so weh. Bring mich ins Bad, ich scheiß mir gleich in die Hose.“

*

„Ist es das?“

„Der Zellhaufen, ja.“

„Alter.“

Bills steht vor der rotgefärbten Toilette, ihre Hose samt der Unterhose liegt um ihre Knöchel auf dem Boden. Ihr nackter Po wird von einem großen Pullover verdeckt, aus dem zwei mit Gänsehaut überzogene Beine und ein Kopf mit verrutschtem Dutt rausschauen. „Irgendwie fühle ich mich komisch. Aber ich weiß nicht, ob ich es nur spiele. Weil es der Situation angemessen wäre, weißt du wie ich mein?“ Mein Körper will ihren Körper umarmen, aber ich bewege mich nicht, nicke nur.

Bills schaut in die Toilette und nimmt meine Hand.

„Tschau Zellhaufen.“

„Tschau Zellhaufen“, sage auch ich.

„Die Spülung geht nicht.“

„Die ist ein bisschen kaputt, du musst das hier rein drücken, kurz warten und dann gedrückt halten."

„Tschau Zellhaufen.“

„Tschau Zellhaufen.“

*

„Was ist, wenn ich’s bereue? Im Fernsehen bereuen es immer alle.“

„Nicht alle bereuen es.“

*

Bills döst auf meiner abgewetzten Couch, die auf Kleinanzeigen nicht mal jemand geschenkt haben wollte. Auf dem Tisch vor ihr haben wir jedes gute Schokoladenprodukt von Kinder gereiht, an denen nur ich mich bediene. Ich schiebe eine Wärmflasche unter die Bettdecke zu Bills Körper. Sie dreht sich zu mir auf die Seite, was die dicke Binde in ihrer Unterhose zum Rascheln bringt. Bills Augen sind geschlossen, sie sieht entspannter aus. Die Schmerztabletten scheinen zu wirken.

„Wie geht’s dir?“

„Schlechten Menschen geht’s immer gut. Dir?“

„Ach, ja voll. Ich hatte jetzt zwei Wochen Urlaub, bin einfach hier geblieben, das war super entspannt, kann ich empfehlen. Wetter war ja auch ganz gut.“

„Was laberst du?“

„Ach, nicht so wichtig.“ Ich überlege. „Bills?“

„Mhm?“

„Wieso bist du eigentlich zu mir gekommen?“ Sie öffnet ihre Augen, ihre Lippen verziehen sich zu einem breiten Grinsen.

„Wollte meine Fußmatte zurück.“ Mir steigt schlagartig Hitze in den Kopf. Bills lacht frech und sucht meinen Blick.

„Keine Sorge, kannste behalten. Hätte ich so nem Gutmensch wie dir gar net zugetraut! Weißt du, vom Bad aus hat man einen tollen Blick auf die Haustür, wenn man gerade von hinten ge- “

„Keine Details! Bitte.“ Ich lache auch und halte mir die Ohren zu.

Dann hält Bills inne.

„Sag mal ehrlich jetzt, wieso sieht’s hier so aus, als würdest du bald wegziehen?“

„Weil ich bald wegziehe.“

Toni Quell schreibt und fotografiert für canny magazine, ein feministisches Onlinemagazin aus Berlin, das sie 2024 selbst mitbegründet hat. Mit ihrer viel diskutierten Petition „Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein.“ veranlasste sie eine breite Debatte zum Thema Strafbarkeit von verbaler sexueller Belästigung, die auf Zustimmung von über 69.000 Menschen traf; ihre Forderung wird noch heute diskutiert. Toni Quells erste Kurzgeschichte „Männerliteratur“ erschien in der zarte Horizontale. Sie lebt in Berlin.