Erstmal ein Bier – Warum Männer nur betrunken Nähe zulassen 

Zwischen Einsamkeit und Patriarchat: Über Alkohol als sozialen Katalysator für Männerfreundschaften und als Symptom einer tiefen Beziehungskrise. 

© Yasin Arıbuğa/Unsplash

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Alles sprach dafür: keine tagelangen Kater, keine Nächte voller Müdigkeit und Reue. Und für die Gesundheit ist es ja schließlich auch eine Wohltat. Doch die Entscheidung belastete einen essentiellen und sowieso empfindlichen Bereich meines Lebens: meine Freundschaften. 

Noch nie fiel es mir sonderlich leicht, Freundschaften zu pflegen, geschweige denn zu knüpfen. Spreche ich jetzt mit meinen Freunden, speziell den männlich sozialisierten, wird schnell klar, dass ich kein Einzelfall bin. Männlichen Freundschaften fehlt die Tiefe, die Nähe, die Intimität und die Leichtigkeit, die wir von den Freundschaften unserer Freundinnen vorgelebt bekommen. Irgendwie einsam stehen wir daneben und schauen traurig zu, wie einfach es sein kann. Für Männer scheinen Freundschaften schwierig zu sein. 

Einsamkeit ist natürlich kein neues Thema, doch Männer sind einsamer denn je. Denn jetzt, in der vermeintlichen “Male Loneliness Epidemic”, behaupten in den USA sogar 15 % der Männer¹, sie hätten keine engen Freunde. Hinter der mutmaßlichen Selbstverschuldung steht allerdings ein (männergeschaffenes) patriarchales System, das Männer seit jeher in die Einsamkeit treibt. Schon in der Jugend offenbart sich ein magisches Gegenmittel, dass es Männern bis ins hohe Alter ermöglicht, dieses System kurzzeitig zu durchbrechen: der Alkohol. 

Aber warum ist Saufen oft das einzige Bindemittel für Männerfreundschaften? 

Alkohol als sozialer Katalysator 

Ob Bier, Schnaps oder zwielichtige Mischen: Hochprozentiges ist ein idiotensicherer Schnellstarter für soziale Interaktion. Die ersten Flaschen ploppen und Stimmung kommt auf. Mit dem Pegel steigt das Gefühl von Zugehörigkeit, wir synchronisieren uns, wir saufen uns gleich. 

In meinem Freundeskreis war es nicht anders. Kaum ein Treffen hatte einen anderen Zweck als zu trinken. Es entwickelten sich Rituale und Insider, neue zwischenmenschliche Dynamiken, eine ganz bestimmte Art von Vertrautheit. Das große Erwachen kam erst zur Pandemie: Was macht man, wenn man nicht zusammen trinken kann? Wie hat man zusammen eine gute Zeit, wenn man nicht besoffen ist? Warum fiel es uns so schwer, nüchtern etwas miteinander zu unternehmen? 

Für mich als grundlegend introvertierten Menschen war Alkohol die Rettung. War ich nur betrunken genug, konnte ich auf einmal mit allen reden, ich war outgoing, ich war social. Ich wurde oft gefragt, ob ich Lust hätte etwas zu unternehmen, und das war letztlich ein Gefühl, das mir seit meiner Kindheit fehlte. Alkohol machte mich sozial akzeptabel und gab mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. 

Im Rausch umarmten wir uns, wir gingen zusammen auf Toilette, wir saßen stundenrund im alten Kinderzimmer und erzählten. Und wie oft versauerten wir auf irgendwelchen Kneipenbänken mit klebrigen Schnapsfinger und weinten uns die Augen aus dem Kopf? Im Nachhinein frage ich mich allerdings, warum nur dann? 

Intimität mit Option auf Rückzug 

Es ist ein Bild, das man kennt: Der Familienvater, der mit hängendem Kopf an der Bar sitzt und sich über sein Leben beschwert. Die Brüder auf der Eckbank in der Kneipe, die sich darüber auslassen, wie sehr ihre Eltern ihnen zu schaffen machen. Die besten Freunde, die sich in den Arm fallen, weil sie nach der Trennung von der Freundin füreinander da sind. 

Männer schaffen es, mit einem Mal über ihre Ängste, ihre Sorgen und Beziehungen zu reden, sobald sie etliche Biere intus haben². Jeder Mann in meinem Leben kann von unzähligen alkoholischen Spaziergängen erzählen, nach denen er ein Problem weniger in seinem Leben hatte. Denn Alkohol enthemmt nicht nur, Alkohol gibt Auswege über Dinge zu sprechen, die im nüchternen Zustand nicht sagbar erscheinen. 

Männer müssen nicht sagen, dass ihnen etwas auf dem Herzen liegt und sie jemanden zum Reden brauchen. Es reicht, wenn sie fragen, ob man Lust auf ein paar Bierchen am Kiosk hat. Es ist eine unausgesprochene Abmachung, eine unsichtbare Selbstverständlichkeit, sich gemeinsam Mut anzutrinken, damit es okay ist, über Probleme reden zu können und kurzzeitig aus der hegemonialen Männlichkeit auszubrechen. 

Denn diese patriarchale Gesellschaft hat es Männern antrainiert, dass für sie nur bestimmte Emotionen zulässig sind: hauptsächlich Wut, Mut und Risikobereitschaft. Dass sie dennoch dieses Schlupfloch gefunden haben, das es ihnen ermöglicht, verletzlich zu sein, ist nicht nur ein Wunder, sondern beruht auf der simplen Ausrede, die sie nutzen können, wenn es doch zu ernst wird: Ich war betrunken. 

Der Schutzschild, den dieser Ausnahmezustand bietet, erlaubt es Männern zurückzurudern, wenn sie am nächsten Tag doch noch einmal auf all das angesprochen werden sollten, was sie nachts zuvor ausgeplaudert haben. Der Vollsuff, der diese Befreiung bietet, kann also genauso gut als Delegitimierung der nächtlichen Schwäche genutzt werden – wie praktisch. 

Wer nicht trinkt, verliert den Anschluss 

Wenn man nicht trinkt, wird man nicht so eingeladen wie trinkende Personen. Nicht zu trinken ist mehr und mehr zu einer Art sozialer Barriere geworden, die es erschwert, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ich meine, warum sollte man eingeladen werden, mit in die neue Kneipe zu kommen, wenn man ja nicht einmal trinkt? Was gäbe es da sonst? 

Für viele gehört ein Bier einfach dazu. In den meisten Freundeskreisen gilt Trinken als selbstverständlich und wer da nicht mitmacht, der fällt auf und der fällt raus. Diese Kultur des Alkohols birgt Erwartungen, die Trinkende und Nicht-Trinkende zunehmend trennt. Wir alle kennen die Nachfragen, warum man denn nicht trinke, die Überzeugungsversuche, dass ein Bier oder ein Schnaps doch wohl okay wären. 

Ich habe selbst gemerkt, dass ich weniger eingeladen wurde, je weniger ich konsumierte. Je weniger ich trank, desto weniger Platz war für mich in den abendlichen Plänen. Nicht zu trinken ist also eine soziale Sanktion, die öfter als nicht zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führt. 

Eine Verschreibung von Antibiotika bei Krankheit zum Beispiel, wird gehandhabt wie ein Muskelfaserriss in der Bundesliga, nach dem auf die Rückkehr des Saufenden hingefiebert wird. Doch innerhalb dieses Zeitraums sitzt der arme, arme Mann nur zuhause auf der Ersatzbank und bangt, ob er wieder in den Kader aufgenommen wird. 

Männer werden durchs Nicht-Trinken isoliert und stehen dann vor der schwierigen Frage, wer sie überhaupt außerhalb des Freundeskreises sind. Wer sind sie, wenn sie nicht trinken? Was sind eigentlich ihre Interessen, abseits des Saufens? 

Einsamkeit und Freundschaften 

Der Abschied vom Stammtisch heißt oft Isolation. Man hockt zuhause und sieht im Gruppenchat nur die besoffenen Nachrichten und unscharfen Bilder der letzten Nacht. In Nebensätzen wird von Treffen erzählt, von denen man nicht einmal wusste. Männer sind alleine, wenn sie nicht trinken, sie fühlen sich einsam. 

In Deutschland geben 10 % der Erwachsenen an, sich oft einsam zu fühlen, bis zu 30 % zumindest manchmal. Und speziell im Übergang von der Adoleszenz zum mittleren Erwachsenenalter ist das Risiko für emotionale Einsamkeit am höchsten³ – genau in der Altersspanne, in der Alkoholkonsum ein essentieller, sozialer Faktor ist. Zu trinken ist da natürlich ein einfacher und sozial akzeptabler Weg, die Einsamkeit, die Anspannung und die Erwartungen zu betäuben und irgendwie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erzeugen. 

Denn Trinken scheint das einzige soziale Werkzeug zu sein, das Männer haben. Ohne Alkohol haben Männer kaum Strategien, Freundschaften aufzubauen, geschweige denn zu pflegen. Und auch das ist ein Symptom des patriarchalen Systems, in dem Jungen zu “echten Männern” erzogen werden. 

Der Emotional Literacy Gap 

Zunächst, liebe Männer, kann ich euch beruhigen. Es ist kein individuelles Versagen, dass es schwierig ist, Freundschaften ohne Alkohol aufzubauen oder zu pflegen. Vielmehr ist es das Ergebnis einer jahrzehntelangen Sozialisation im Patriarchat. Als Junge habe auch ich früh gelernt, dass es riskant ist, Nähe zu suchen und Verletzlichkeit zuzulassen. Gefühle zeigen zählt als Schwäche, man gilt als unmännlich und macht sich angreifbar. Also hält man sich emotional zurück. 

Während weibliche Sozialisierung lehrt, Beziehungen über Gespräche, Empathie, über emotionale Offenheit zu pflegen, sind es meist Unternehmungen oder Wettbewerbe, die soziale Bindung unter Jungs aufbaut. Solche “Aktivitätsfreundschaften” können stabil sein, klar, doch bieten sie wenig Raum für Intimität. 

Auch fehlt es an Vorbildern. Für viele Männer fehlen die positiven Beispiele dafür, wie man Freundschaften aktiv pflegt. Kommt es uns bekannter vor, dass wir einen Vater sehen, der mit seinem besten Freund Arm in Arm liegt und über seine Probleme redet oder kennen wir den Vater, der seinen besten Freund dreimal im Jahr sieht und dann mit ihm über die schwache Viererkette der Nationalmannschaft schwadroniert? 

Die für Männer einzige emotional „erlaubte” Nähe findet in Partnerschaften statt und auch dort meist nur hinter verschlossener Tür. Partner:innen sind oft die einzige Vertrauensperson, eben weil Männer ihre Freundschaften nicht zu pflegen wissen. Fällt auch diese Beziehung weg, bricht ihr gesamtes emotionales Netzwerk zusammen. Eine Bürde, die Männer sowieso zu gerne auf Frauen abwälzen, als wäre der Gender Care Gap nicht schon groß genug

Es ist die Mischung aus traditionellen Männlichkeitsnormen, Angst vor Intimität und fehlender Gefühlssprache, die eine soziale Leerstelle schafft, die oftmals mit Alkohol gefüllt wird. Nüchterne Männer sehen keinen Weg, um echte Verbundenheit zu schaffen. 

Neue Räume braucht der Mann 

Zoomt man weiter raus, scheint es noch absurder als es sowieso schon ist: Alkohol erhöht das Krebsrisiko, Alkohol macht speziell Männer aggressiver und gewalttätiger, Alkoholsucht zwingt in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen in Behandlung

Männerfreundschaften und Alkohol sind so eng verknüpft, dass dafür in Kauf genommen wird, dem eigenen Körper und dem sozialen Umfeld nachhaltig zu schaden. Natürlich ermöglicht Alkohol Nähe und Gemeinschaft, natürlich ist es der einfachste Weg, aber um welchen Preis? Wäre es nicht an der Zeit, sich nach Alternativen umzusehen? 

Männer brauchen neue Formen von Beziehungen, die nicht auf Konsum oder Wettbewerb beruhen. Formen von Gesellschaft, die es Männern ermöglichen, ihre Gefühle zu benennen und zu teilen, statt sie in Aggression oder Wettbewerb zu externalisieren. 

Also müssen wir uns fragen, wie wir neue Räume schaffen können, in denen Männer sich nüchtern genauso nah sein dürfen wie betrunken. Wie durchbrechen wir die generationalen Struggles einer patriarchal geprägten Männlichkeit, die emotional verkümmert und vor Einsamkeit eingeht? Wie ermöglichen wir uns eine Gefühlssprache zu sprechen, eine, die es ihnen ermöglicht, bedeutsame Verbindungen zu knüpfen und Tiefe in ihre Beziehungen zu bringen? 

Neue Räume entstehen nicht von selbst. Wir, speziell wir Männer, müssen sie gemeinsam und eigenmächtig bauen, damit Nähe und Intimität endlich mehr als ein Nebeneffekt des Pegels sind. Wenn Männer lernen, ihre Gefühle ernst zu nehmen und ohne doppelten Boden zu kommunizieren, kann daraus eine Freundschaftskultur entstehen, die nachhaltig und echt ist und letztendlich die gesamte Gesellschaft entlastet. 

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“Großzügigkeit als Grundhaltung, nicht als Ausnahme”